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Der gastrosexuelle Mann: Leckere Leidenschaft

Koch mit Pfanne vor dem GesichtLumbersexuell, Sapiosexuell und nun Gastrosexuell? Wenn Männer plötzlich ihren ölverschmierten Overall gegen eine mit ihrem Namen bestickte Kochschürze tauschen und sich in der Küche einschließen, anstatt mit ihren Kumpels den Feierabend in der Garage zu verbringen, werden viele Frauen hellhörig. In den unzähligen TV-Kochshows ist es längst üblich, dass gestandene Mannsbilder über das Beizen von kanadischem Wildlachs, das Pochieren von Gemüse und die Vorzüge des Sous-vide-Garens philosophieren. Wenn jedoch der eigene Mann sein Motorrad verkauft, um sich einen imposanten Dry Aging Kühlschrank in die Küche zu stellen, kann das schon irritieren, wenn nicht sogar beängstigend wirken. Ernsthaften Grund zur Sorge gibt es aber nicht, denn vielleicht ist der Mann auch einfach nur gastrosexuell!

Gastrosexuell - was bedeutet das?

Der Begriff "gastrosexuell" ist erst wenige Jahre alt und geht auf eine Redakteurin der Zeitung "Welt" zurück, die damit eine neue Art Mann beschreiben wollte: den Mann, für den Kochen viel mehr ist als reine Nahrungsaufnahme. Dieses "viel mehr" ist vergleichbar mit der Zuneigung von Männern zu ihren Autos, die für sie eben auch "viel mehr" sind als reine Fortbewegungsmittel. Sie pflegen ihren fahrbaren Untersatz voller Hingabe und erleben sogar erotische Momente, wenn sie beispielsweise mit ihren Händen über die auf Hochglanz polierten Kotflügel fahren. Ähnlich ist das beim gastrosexuell veranlagten Mann, für den das Anfassen, Zubereiten und Verzehren eines 35 Tage lang gereiften Dry Age Rib-Eye Steaks ähnlich befriedigend sein kann wie eine heiße Liebesnacht mit seiner Frau oder eine Ausfahrt mit dem eigens restaurierten Oldtimer.Wer gastrosexuell ist, für den ist Kochen pure Leidenschaft, die mit dem Vorspiel (der Zubereitung) anfängt und mit dem Gaumensex, also dem Verzehren der Gaumensex kulinarischen Köstlichkeiten, ihren Höhepunkt erreicht. Zuweilen kann diese Leidenschaft extreme Züge annehmen. Das ist dann der Fall, wenn der ehemals so heißgeliebte Männerraum im Keller einem Lager für Küchengeräte weichen muss, die in der Summe so teuer sind wie ein gut ausgestatteter Mittelklassewagen. Die gastrosexuelle Neigung fängt häufig mit einem bestimmten Küchengerät wie dem Sous-vide-Garer an, dann gesellen sich schon bald ein Salamander, eine Profi-Eismaschine, ein Niedrigtemperaturgarer und ein Profi-Fleischwolf dazu. Es muss wohl nicht ausdrücklich erwähnt werden, dass der gastrosexuell veranlagte Mann über Geräte wie den Thermomix noch nicht einmal nachdenkt.

Mann denkt an Essen

Hilfe, ist mein Mann gastrosexuell?

Immer mehr Frauen, die solche oder ähnliche Verhaltensweisen bei ihren Männern beobachten, stellen sich die Frage: "Ist mein Mann gastrosexuell oder kocht er einfach hin und wieder gerne für mich?" Zusätzlich zu den schon genannten Eigenschaften gibt es noch einige Hinweise, die einen Mann als gastrosexuell entlarven können. Häufig beginnt es mit dem Kauf eines Kochbuchs oder dem Abo einer Kochzeitschrift wie der "Beef", die in der Szene als der "Playboy der Fleischliebhaber" gilt. Auf Hochglanzseiten werden Steaks, Rippchen und Würste, deren ebenso aufwendige wie liebevolle Zubereitung weit über das normale sommerliche Grillen hinausgeht, in für gastrosexuell betrachtende Männeraugen aufreizenden Positionen präsentiert. Marinaden werden stundenlang angerührt und voller Hingabe in die großen Fleischstücke massiert - selbstverständlich nur mit handverlesenem Himalaya-Salz.Auch wenn der Mann plötzlich mit dem Gedanken spielt, in das ohnehin schon teure Santoku-Messer die eigenen Initialen gravieren zu lassen oder gegen ein handgeschmiedetes und an seine Handform angepasstes Messer auszutauschen, kann das ein Hinweis darauf sein, das er möglicherweise gastrosexuell ist. Wundern sollten sich Frauen auch dann, wenn sie in der Nacht anstelle des Fußballkommentators aus dem Wohnzimmer nur das langsame Köcheln des aufgesetzten Fisch-Fonds oder den Kalbs-Jus in Kombination mit einem genießerischen "Mmmmh" aus der Küche vernehmen. Auch die Urlaubsplanung kann einen Hinweis darauf geben, ob ein Mann gastrosexuell ist: Diese Herren der Schöpfung fliegen nämlich am liebsten zu den Sternen und zwar ausnahmslos zu den Michelin-Sternen. Mit anderen Worten, der Guide Michelin gibt ihnen selbstverständlich die gastrosexuell geprägte Reiseroute vor.

Gastrosexualität - eine Belastung für die Beziehung?

Mann in der KücheSo sinnlich und erregend das neue Hobby auch sein mag, es kann - wie alle Hobbys in extremer Ausprägung - die Beziehung zu der Partnerin oder dem Partner belasten. Das ist vor allem dann der Fall, wenn das Kochen zum zentralen Mittelpunkt des Lebens geworden ist und praktisch kein anderes Thema mehr von Belang ist. Ist die Haushaltskasse wegen der ausgefallenen Zutaten und/oder der neusten Küchengeräte ständig leer, wird ein Streit oder zumindest eine diesbezügliche Diskussion sicher nicht lange auf sich warten lassen. Doch auch wenn es in der gemeinsamen Wohnung wirklich ununterbrochen nach Essen riecht oder der Partner / die Partnerin immer als Handlanger für Hilfstätigkeiten eingespannt wird, kann es zu Unstimmigkeiten kommen. Hinzu kommt, dass gastrosexuell veranlagte Männer oft relativ schnell ein (übersteigertes?) Selbstbewusstsein bekommen, das sich in einem oftmals künstlichen Gehabe und Angeberei ausdrücken kann. Sie sind beispielsweise davon überzeugt, dass Frauen nur das kochen, was sie auch tatsächlich kochen können, während Männer all das kochen, was sie kochen möchten. Eine solche Einstellung ist nicht gerade die ideale Basis einer gleichberechtigten Beziehung.Für eine - für beide Partner - glückliche Beziehung, in der ein Mann gastrosexuell leben kann, ist es unabdingbar, Kompromisse einzugehen. Vor allem der neue Wunsch nach der Vorherrschaft in der Küche kann zum großen Streitpunkt werden. Experten sind sich einig, dass hier Feingefühl und Geduld gefragt sind. Wer gastrosexuell leben möchte, muss also keinesfalls auf eine Partnerschaft verzichten, sondern kann die Vorteile seiner Neigung in die Beziehung einbringen. Dieser Meinung ist auch Buchautor Carsten Otte, selbst gastrosexuell.

"Der gastrosexuelle Mann" von Carsten Otte

Der deutsche Radiomoderator und Schriftsteller Carsten Otte hat sich intensiv mit dem Phänomen "gastrosexuell" beschäftigt und sich in seinem Buch "Der gastrosexuelle Mann - Kochen als Leidenschaft" geoutet. Otte hat ein Dutzend Männer mit "Genießer-Gen" besucht und mit ihnen über ihre außergewöhnliche Vorliebe gesprochen. So berichtet der Autor von Männern, die Fleischsorten nur anhand ihrer Maserung erkennen können, von Männern, die Wurst lieber selbst herstellen, als sie beim Metzger um die Ecke zu kaufen und von Herren der Schöpfung, die mehr Geld in ihre Küche investieren als in den Rest des Hauses. Schließlich kommt der Autor zu dem Fazit, dass die Leidenschaft der Männer sich nicht unbedingt negativ auf die Beziehung zwischen Mann und Frau auswirken muss. Schließlich liebt der gastrosexuell veranlagte Mann nichts mehr, als andere Menschen an dem Ergebnis seiner Lieblingsbeschäftigung teilhaben zu lassen.Ein gastrosexuell veranlagter Mann ist glücklich, wenn er seine Vorliebe (aus-) leben darf und seine Partnerin kulinarisch verwöhnen und diese Leidenschaft nahezu übergangslos in körperliche Hingabe übertragen möchte. Gastrosexuell - leckere Lust für Gaumen, Seele und Körper! Eigentlich etwas Wunderbares, oder?

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